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Schöner Scheitern bei der Existenzgründung

Das größte Hindernis bei der Existenzgründung ist die Angst vorm Scheitern. Daher ist mir das beste passiert, was einem Existenzgründer passieren kann: ich bin bereits einmal gescheitert.
Klingt paradox, vor allem da in Deutschland gescheiterte Gründer als verbrannt gelten. Diese Einstellung stammt aus der europäischen Fehlerkultur. Wir schauen nicht auf das, was gelungen ist, sondern auf die misslungenen Fakten. Die Amerikaner sind dort bereits viel weiter; es gibt in den USA Beteiligungsgesellschaften zur Finanzierung von Existenzgründungen, welche nur Gründer unterstützen, die bereits einmal gescheitert sind. Man beachte den Unterschied! Dort werden Fehler als das erkannt, was sie wirklich sind: eine große Chance zum Lernen. Es mag seltsam klingen, aber lerntechnisch können wir aus Misserfolgen mehr Nutzen ziehen als aus Erfolgen. Wenn es einige Zeit keine Probleme gibt, dann sind wir immer schlechter in der Lage mit ihnen umzugehen, wenn sie dann auftauchen. Und die Probleme werden dann auch als größer wahrgenommen, als sie es tatsächlich sind.
Deswegen lautet die oberste Regel bei der Existenzgründung: Haben Sie keine Angst vor dem Scheitern. Es gibt immer ein Risiko. Selbst wenn Sie top ausgebildet sind, sich Hilfe holen, wo es notwendig ist, einen guten Mentor haben und alles richtig läuft, können Sie scheitern. Unfall, Krankheit, sonstige Verpflichtungen, welche sehr zeitintensiv sind... es gibt genügend Gründe. 40%  aller Existenzgründungen geben im ersten Jahr wieder auf, obwohl sie gut ausgebildet sind. Die wichtigsten Risiken – welche durch gute Vorbereitung und ein vernünftiges Management reduziert werden können – sind dabei:

1. Nicht ausreichendes Eigenkapital
2. mangelndes kaufmännisches Wissen
3. kein abgestimmtes Marketingkonzept
4. kein durchdachter Businessplan
5. die Persönlichkeit des Gründers passt nicht zur Selbstständigkeit bzw. die Mängel werden nicht ausgeglichen.

Zu 1: Mindestens 30 % der Finanzierung eines Unternehmens müssten durch Eigenkapital gedeckt sein, mit zunehmenden Risiko steigt diese Quote – Eigenkapital ist Haftungsmasse und muss nicht zurückgezahlt werden.
Eine Gründung durchläuft mehrere Phasen: Vorgründungsphase, Gründungsphase, Fortschung- und Entwiclungphase, Findungsphase, Etablierung und Expansion. Ein Kredit sollte frühestens in der Findungsphase aufgenommen werden, weil erst hier bekannt ist, wo die Reise hingeht. Vorher wird viel experimentiert und ausgebildet, die Erträge sind gering und eventuell noch gar nicht vorhanden. Kredite wollen getilgt werden, es existieren nur wenige Programme mit tilgungsfreier Anlaufzeit. Diese sollten als einzige bei Bedarf im Rahmen einer Mischfinanzierung am Anfang mit benutzt werden.

Zu 2: Wer keine kaufmännische Ausbildung hat, benötigt einen Steuerberater. Diese kosten richtig Geld! Daher ist es meistens besser, einen Kurs für Existenzgründer zu besuchen, um die Buchführung zumindest am Anfang selbst erledigen zu können. Ein Heilpraktiker kann locker 2 Tage pro Monat alleine für den Steuerberater arbeiten, inklusive Jahresabschluss werden auch schnell 3 Tage pro Monat daraus. Da doch lieber einen Tag auf Erträge verzichten und für Verwaltung opfern, es lohnt sich.

Zu 3: Werbung ist ungleich Marketing. Bitte unbedingt einen Kurs besuchen, falls hier keine Kenntnisse vorliegen. Gerade im Marketing kann ganz schnell Geld verbrannt werden. Es geht hier um den sogenannten Return-on-Investment. Außerdem müssen Heilberufe hier aufpassen, Heiler sind in ihren Werbemöglichkeiten eingeschränkt. So dürfen Heilberufe z. B. nur in beschränkten Umfang Rabatte bzw. Nachlässe gewähren (welche übrigens auch die eigene Existenz erschweren), erlaubt sind sicher Sozialtarife für Arbeitslose, Behinderte, Schüler, Studenten und Rentner gegen Nachweis. Heilern rate ich die Nutzung von Groupon und ähnlichen Dienstleistern ab.
Zu 4: Der Businessplan ist nicht für die Bank, er ist für Sie! Sie können sich im Internet gute Vorlagen besorgen, aber schreiben Sie diese unbedingt eigenhändig um. Sie müssen sich im Detail mit Ihrem Konzept auseinandersetzen, um die Schwachstellen zu finden. Sie arbeiten später mit Ihren Stärken, die Schwachstellen sind die Fallstricke. Wer ist Ihre Zielgruppe? Was ist Ihr Produkt, Ihre Dienstleistung? Wie positionieren Sie sich, als „Mee too“ haben Sie keine Chance.

Zu 5: Haben Sie Probleme, Geld für eine Leistung zu verlangen? Gehen Sie nicht gerne mit Geld um? Können sie Verwaltung? Wie gut sind Ihre juristischen Kenntnisse (BGB, HGB, Arbeitsrecht, falls sie jemanden beschäftigen wollen)? Fühlen Sie sich startklar? Eine Gründung zu verschieben kostet wenig, Scheitern ist teurer. Allerdings müssen Sie auch aufpassen, nicht zu viel zu verlangen. Sie können nicht ewig Kurse besuchen. Letztlich ist es wie mit Kindern learning by being parents.